[6] Der kleine Weihnachtsteig

"Ich will eine Schokoladentorte werden!"
"Wer? Du?", schmatzte die massige Schokoladentorte aus schwerer Creme und dickem Guss. Sie bedachte den kleinen Teig aus Mehl, Eiern und einer Prise Salz mit einem höchst pikierten Ausdruck.

"Du bist so schön und groß und imposant und rund!", rief der kleine Teig in aufrichtiger Bewunderung. "Ja, ganz genau so etwas will ich auch werden!"
"An dir halber Portion halten doch weder Guss noch Spritzdekor", schluckte die Torte langsam jedes Wort hervor. Sie schnaufte, kaum dass der Satz beendet war, während ihr die Fettglasur an den Seiten nur so herunter lief. "Oh", sprach der kleine Teig. 

Am späten Nachmittag hatte ein übereifriger Bäckergeselle begonnen ihn anzurühren und zum Feierabend hin vergessen. Es war gerade mitten in der Weihnachtszeit und es gab noch viel zu tun – vor allem da ein schönes Mädchen daheim auf ihn wartete. Da hatte er den kleinen Teig, so unfertig wie er war, zwischen all den Zutaten und dem frischen Backwerk liegen lassen ...



"Aber was soll ich dann werden?", fragte sich der kleine Teig, als er sich von der mächtigen Schokoladentorte abwandte und versehentlich durch einen dicken Klecks aus Honig rutschte.
"Schau nicht mich so an", entgegnete ein kantiges Kastenmischbrot grob, noch bevor der kleine Teig etwas zu sagen vermochte. "Ein Mischbrot wirst du ganz bestimmt nicht."
"Warum sollte ich auch ein Mischbrot werden wollen?!", zeterte der kleine Teig voller Trotz zurück.
"Liegt das nicht auf er Hand? - Ich bin beeindruckend", sprach der markante Brotlaib schnell und mit hartem Nachdruck. "Ich bin nahrhaft. Ich mache wirklich satt. Ich bin eine Wohltat für den angestrengten Magen, gerade jetzt zu diesen mit Essen vollgestopften Feiertagen. Natürlich willst du ein Mischbrot sein!"

"Oh", meinte der kleine Teig kleinmütig. "Das klingt wirklich beeindruckend."
"Das sagte ich doch", kläffte das Kastenmischbrot gut gelaunt.
"Doch warum kann ich kein Brot sein?", fragte der kleine Teig. "Bin ich zu klein für ein Brot?" "Das ist es nicht", wandte der graubraune Brotlaib ein. "Es gibt auch kleine Brote oder Brötchen. Du kannst kein Brot werden, weil du zu süß bist." 
 "Aber ich bin doch nur aus Mehl, Ei und Salz gemacht!", wiedersprach der kleine Teig energisch.
"Und Honig", fügte das Brot knapp hinzu. "Ich habe gesehen, wie du durch ihn hindurch gewandert bist und er zu einem Teil von dir geworden ist."


Der kleine Teig blieb stumm. Er wagte nicht zu widersprechen. Er seufzte nur und zog beklommen weiter. Er dachte nach - über sich selbst. Warum hatte er um diesen Honig nicht einfach einen Bogen machen können?! Wütend knetete sich der kleine Teig über die Arbeitsfläche, als er einen Rost voller Waffeln entdeckte, die dort in aller Ruhe abkühlten. Waffeln waren süß und klein. Das wusste der kleine Teig. Also beschloss er: "Ich will eine Waffel werden!" Prompt kicherte der Waffelstapel frisch erheitert los, dass ihr Puderzucker nur so staubte.


"Was denn? Du und eine von uns?", lachte die eine.
"Was für eine Unmöglichkeit", brüskierte sich eine andere.
"Wieso kann ich keine Waffel werden?", rief der kleine Teig frustriert.

"Sie uns an", ließ es sich aus dem fidelen Stapelwerk vernehmen. "Wir sind schön geformt und so ansehnlich gebacken."
"Ich bin bestimmt auch formbar", versuchte der kleine Teig sich anzupassen. "Du bist viel zu fest", wiedersprach eine Waffel.
"Du passt gar nicht in das Waffeleisen", ergänzte eine andere.


Und wieder verstand der kleine Teig, dass er hier nicht an der rechten Stelle war. Er seufzte und zog weiter. Doch dieses Mal war er weit weniger betrübt. Bestimmt gab es besseres, als in der Enge eines Waffeleisens in Form gedrückt und gebacken zu werden. Und während der kleine Teig innerlich vor sich hin argumentierte, bemerkte er nicht, dass vor ihm die Arbeitsfläche auf eine niedere führte ... Plumps – purzelte der kleine Teig hinab in eine Schüssel voll mit gemahlenen Gewürzen. Alles roch plötzlich nach Zimt, Ingwer, Nelken, Anis, Piment und Koriander. Hustend rollte der kleine Teig aus dem Gewirr heraus. "Ein bisschen Würze schadet nicht", brummte eine tiefe, gutmütige Stimme hinter ihm.

Der kleine Teig wandte sich um. "Du bist ein Streuselhefekuchen", erkannte er. "So ist es", lachte der Hefekuchen - so sehr, dass seine Zuckerstreusel krümelten. "Sättigend und sehr lange haltbar, um auch sehr lange zu genießen." "Meinst du, ich könnte vielleicht auch ein Streuselhefekuchen werden und so lange halten?", fragte der kleine Teig, während er sich erfolglos von der Gewürzmischung befreite. Der trockene Hefekuchen seufzte. "Ich denke nicht, kleiner Teig", sagte er langsam. Doch er sprach mit Zuversicht. "Ein Hefekuchen muss aus einem Hefeteig gemacht sein und in aller Ruhe gehen können. Du bist kein ruhiger Geher – und mit Sicherheit wird sich das passende Rezept für dich noch finden." "Keine Hefe ...", überlegte der kleine Teig. Aber er akzeptierte es und begriff. "Ich bin kein Hefeteig", bekannte er. "So ist es", raunte der Streuselhefekuchen gemächlich. "Vielleicht versuchst du dein Glück einmal bei den Weichnachtsplätzchen."

Der kleine Teig nickte und bedankte sich höflich für den Rat. Er zog weiter und wurde wenig später auch schon fündig. Sehr bald begegneten ihm mehrere Backbleche mit allen nur erdenklichen Weichnachtsplätzchen, die eine Weihnachtsbäckerei zu bieten hatte. Zimtsterne, Spekulatius, Schwarzweißgebäck, Vanille Kipferl, Pfeffernüsse, Makronen in den verschiedensten Varianten und kunterbunt gestaltetes und verziertes Buttergebäck, so weit der kleine Teig nur sehen konnte. Alle waren sie hübsch hergerichtet und schnatterten bei bester Laune eifrig durcheinander. "Willkommen!", fiepte ein quietschgrün glasierter Butterstern mit ungleichmäßig verteilten Schokoladensplittern. "Wirst du auch eines von uns Weihnachtsplätzchen werden? Du bist würzig. Vielleicht Spekulatius oder eine Pfeffernuss!"
"Vielleicht", sagte der kleine Teig, ganz und gar überrascht von der überschwänglichen Begrüßung.
"Wie schön!", quiekte das fröhliche Sternplätzchen. "Wir sind nämlich DAS Gebäck der Weihnachtszeit." Es kicherte vergnügt. "Kaum sind wir da, sind wir auch schon auch schon wieder weg. Hach, es geht ja so schnell uns alle aufzuessen, doch umso besonderer ist diese – UNSERE Jahreszeit."

"Ich verstehe", sprach der kleine Teig und kam darüber hinaus ins Grübeln. Jetzt hatte er einen Platz gefunden, an dem er wahrhaftig willkommen war. Aber für wie lange würde er dann sein?
Und so überlegte der kleine Teig die ganze Nacht. Er dachte nach, was er wollte und was er nicht wollte, bis es plötzlich morgen war und ihn ein breit grinsender Bäckergeselle anlachte.
"Was machst du denn hier?", fragte der junge Mann erheitert.
"Ich will kein Weihnachtsplätzchen werden!", rief der kleine Teig aus dem Affekt heraus. "Auch kein Hefekuchen, keine Waffel, kein Brot und schon gar keine Schokoladentorte!" "Oh ...", sprach der Bäckergeselle von der offenen Meinung überrascht.


"Ich will besonders sein, aber lange, lange halten - auch über die Weihnachtszeit hinaus", fuhr der kleine Teig mit seiner Rede fort. "Und gut für den geplagten Magen will ich sein. Eine schöne Form will ich haben. Genau! Und bunt gestaltet will ich auch noch sein." Der kleine Teig legte eine Pause ein, besann sich und fügte dann kleinlaut hinzu: "Allerdings weiß ich nicht, mit welchem Rezept ich zu so etwas werden könnte ..." "Du vielleicht nicht", lachte der Bäckergeselle amüsiert. "Ich hingegen weiß es schon."
Der kleine Teig blieb still, ließ aber mit sich geschehen, was der Bäckergeselle sogleich mit ihm machte. Er brachte den kleinen Teig in Form. Er buk ihn. Er verzierte ihn. - Und er nahm den kleinen Teig schließlich mit zu sich nach hause, wo er seine Liebste mit einem kleinen und liebevoll verzierten Lebkuchenherz überraschte. Darauf geschrieben stand in zartem Zuckerwerk: "In Liebe Dein". Der kleine Teig hätte glücklicher nicht sein können. Denn für des Bäckergesellen Liebste war er viel zu schade, um ihn wie ein Weihnachtsplätzchen aufzuessen. Also hatte sie beschlossen, das kleine Lebkuchenherz das ganze Jahr als Wandschmuck anzubringen. Und wenn nicht jemand doch einmal daran geknappert hat, so hängt der kleine Teig noch heute da.

                                                von Platti Lorenz

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Vielen Dank an Platti, dass sie mir diese supersüße Geschichte geschickt hat! :) Ich lese zur Zeit auch Plattis Buch "Von Bitterweg -Das Duneburgdebakel" [klick hier:

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Kommentare:

  1. Hab ich doch gern gemacht. ^.~ Freu mich, dass sie dir gefällt. ^o^

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  2. Eine sehr schöne Geschichte, passend zu dieser Jahreszeit. Gerne mehr davon.

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    1. Da musst du dich bei Platti bedanken ;) Vielen dank trotzdem

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    2. Danke schön! ^////^ Mehr davon ist in Arbeit bzw. bereits lesbar. ^o^ (Na ja ... nur mit einer etwas anderen Thematik vielleicht ... ^.^')

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