[5] Weiße Weihnacht am Niederrhein



Lästig und sinnlos empfand er es, der Bitte der Mutter Folge zu leisten, aber in einem unbedachten Moment am Vortag hatte er versprochen, Herrn Teuthen das übliche Weihnachtsgeschenk vorbeizubringen. Der bekam schon seit zehn Jahren von Mutter etwas zum Christfest geschenkt, weil er irgendwann mal ein guter Freund der Familie gewesen ist und seit dem Tod seiner Frau so alleine war. Musste man erst jemanden durch Tod verlieren, um sich allein zu fühlen? Timo schaffte das auch inmitten seiner Familie; kein Problem – aber das wollte niemand hören. 

 Er fühlte sich elend, beschissen, zum Kotzen, aber auch das interessierte nicht. „Vergiss die Karte nicht“, flötete seine Mutter, die schon mit den Vorbereitungen für das abendliche Festmahl zugange war. Timo hasste Heiligabend. Einigermaßen überrascht stellte er das fest, als er nun in seine Daunenjacke kroch, das Geschenk samt der Karte in einem Rucksack verstaute und einen Kontrollgriff in die Jackentasche machte. Da sein Moped nicht in Ordnung war, musste er mit dem Rad fahren. „So ein verdammter Mist!“, fluchte er, als er draußen in den Schneematsch trat. Es schneite. Früher hätte er sich darüber gefreut; jetzt verursachte der Schnee noch mehr Übelkeit, als er ohnehin empfand. Er fror schon, bevor er losgefahren war. 

Schnee am Niederrhein, das hatte man schon gestern im Radio lauthals verkündet. Na, so toll war das wohl nicht, aber man fand, dass Schnee am Heiligabend es wert war, stundenlang erwähnt zu werden. Seine Nase lief. Mit dem Handschuh wischte er sich zwischen Mund und Nase wieder trocken. Ein blutiger Streifen Rotze zierte seinen Handrücken.Timo starrte darauf. „Mist, verdammter!“ Sein aktuelles Vokabular würde für Weihnachten ausreichen. „Timo, komm bitte danach sofort zurück“, mahnte seine Mutter vom Küchenfenster aus. „Geh nicht wieder zu diesen Leuten! Und hier, nimm die Taschentücher mit.“ Sie warf ihm ein Päckchen zu. „Ja, ja.“ Er fing es auf, steckte es ein und stieg aufs Rad. Er fuhr mitten auf der Straße, sah nicht zur Seite und auch nicht nach vorn. Nach unten blickend und gelegentliches Hupen oder Schreie ignorierend trat er die Pedale und versuchte an nichts zu denken. Es gelang nicht. Er stellte fest, dass er Weihnachten noch nicht lange hasste – möglicherweise erst seit heute. Oder seit gestern, als Mutter mit dieser bescheuerten Bitte angekommen war. Der Schneematsch spritzte nach allen Seiten und die Schneeflocken wirbelten um sein Gesicht. Schnee am Niederrhein – er schnaubte verächtlich. Sein kleiner Bruder war am Morgen vor Freude völlig daneben gewesen und hatte sich eingebildet, Schlitten fahren zu können. Dazu bedurfte es wohl ein bisschen mehr als solch eines Matschschnees. Timo hasste den Schnee. Er trat die Pedale fester und rutschte mit der Sohle ab. Mal schrammte er sich dabei sein Schienbein, mal knallte er mit der Wade auf die Pedale. Fluchend fuhr er weiter. Er hasste alles an diesem Tag. Warum musste dieser Herr Teuthen auch so weit draußen wohnen? Mittlerweile hatte Timo die Wohnstraßen verlassen und befand sich auf einem Weg, der mitten durch die niederrheinische Landschaft führte. In Herbst und Winter begegnete man hier meist nur Bauern, hin und wieder auch den Bewohnern der wenigen, abgelegenen Höfe; im Sommer konkurrierten Skater und Radfahrer um die schnellste Spur.

Er
erinnerte sich düster, wie er vor wenigen Jahren – oder waren es Monate? – noch mit seinem Vater scherzhaft jede einzelne Kopfweide im Vorbeifahren gegrüßt hatte, wie sie an jeder Koppel angehalten und die Pferde angelockt hatten. Lustig hatte er das gefunden. Zum Totlachen lustig … wieder schnaubte er, als würde er sich vor seinen eigenen Gedanken schämen. Er sah flüchtig durch seine mit Schneeflocken besetzten Wimpern auf die alten, knorrigen Weiden, die, jede für sich, wie standhafte Trutzburgen die Widrigkeiten des Winters an sich abprallen ließen. Timo hatte nicht übel Lust sich auch abprallen zu lassen; mit voller Wucht gegen eine solche Burg zu rasen und nichts mehr zu spüren.

Dummerweise
befand sich zwischen Weg und Bäumen ein dünner

Abwassergraben, der seine Fahrt anders enden lassen würde. Er fuhr ein kurzes Stück einhändig und schaute umständlich auf die Uhr. Seine Kumpels trafen sich in einer Stunde auf dem Marktplatz. Er konnte es schaffen, hatte es versprochen. Seine Mutter? Nein, ihr hatte er nichts versprochen, außer, das Geschenk abzuliefern. Sie hatte ihn lediglich gebeten, nicht hinzugehen zu „diesen Leuten“, wie sie sie nannte. Aber er musste hin, er musste die Tütchen ausliefern, die er für seinen Freund aufbewahrte. Er tastete wieder in seiner Jackentasche, ob sie noch da waren. Vorsichtshalber zog er den Reißverschluss zu. „Schnee am Niederrhein“, hatte sein Freund gemeint und dabei vielsagend gelacht, als er ihm die Tüten aushändigte. „Pass gut drauf auf. Das ist die schönste Bescherung, die du je hattest“, hatte er versprochen und Timo hatte die Päckchen an sich genommen, zitternd. Das war neu für ihn – und aufregend, so wie das erste Mal Hasch zu rauchen. Seit zwei Tagen hatte er es nun schon in der Jacke. Zum Glück filzte zu Hause niemand die Taschen, so wie bei seinem Freund.

Er fühlte sich gut, wenn er
etwas so Wertvolles anvertraut bekam; das machte ihn wichtig. Und in einer Stunde musste er es wieder abgeben und dann würde er sich mit seinen Kumpels in die alte Scheune verziehen. Danach würde es ihm bestimmt wieder besser gehen. Gestern Abend war es ein bisschen viel gewesen, das Rauchen und der Alkohol noch dabei.Seine Wangen glühten vom kalten Wind und Schnee. Das Haus des Herrn Teuthen tauchte in seinem Blickfeld auf.

„Wie schön, dass du mich mal wieder besuchen kommst, Timo!“
Der alte Herr freute sich ehrlich und bat ihn herein. „Nein, danke.“ Timo war verlegen und öffnete den Rucksack. „Hier, von Mutter und einen schönen Gruß; sie … sie kocht schon und kann deshalb nicht …“ „Ja, ja, so sind sie, die Mütter, nicht wahr? Nun komm schon auf einen Sprung herein. Ich bekomme nur noch selten Besuch. Möchtest du was trinken?“ Timo trat unsicher in den Flur. Es roch alt, aber auch vertraut. Er war früher öfter hier gewesen. Herr Teuthen schlurfte in die Küche und Timo hörte ihn eine Sprudelflasche öffnen. „Komm nur herein, Timo! Sag, wie alt bist du jetzt? 16? 17?“ Timo nickte. „Setz dich, Junge, wie geht es deiner Mutter?“ Timo antwortete einsilbig. Seine Nase lief. Erschrocken bemerkte er, dass er schon wieder Nasenbluten hatte. Zum Verrücktwerden. Hektisch kramte er in seiner Jacke nach den Taschentüchern. Er zog sie heraus. Die beiden Kokainpäckchen fielen auf den Boden. Herr Teuthen, der sich auch gerade mit einem Glas Wasser setzen wollte, stutzte, betrachtete stirnrunzelnd Timo und sein blutiges Taschentuch. Er bückte sich, hob die Tütchen auf und reichte sie dem Jungen. Timo saß da wie ein verschrecktes Kaninchen. Dann sagte er: „Mist, verdammter“, stand auf, steckte sein Zeug wieder ein und wandte sich zum Flur. Herr Teuthen folgte ihm und öffnete die Haustür. „Weißt du“, sagte er und sah einen Moment lang den tanzenden Flocken zu; es lag schon eine Schneedecke stattlicher Dicke auf allem, das bereit war, festlich auszusehen, „Schnee an ist schon was ganz Besonderes, erst recht, wenn man so allein ist wie ich. Grüß deine Mutter von mir.“ „Ja, mach ich“, stammelte Timo.

Er fuhr zurück, wütend. Wie konnte das nur … Was glaubte dieser
Herr Teuthen … Warum hatte er ihm die Päckchen zurückgegeben? Ob er inzwischen mit Mutter telefonierte? Verdammte Scheiße! Warum musste immer alles schieflaufen! Er nahm den Weg Richtung Zentrum und fuhr wieder an den alten Kopfweiden vorbei. Er bremste schlitternd, ließ das Fahrrad fallen und formte einen Schneeball nach dem anderen, die er mit Wucht an die Bäume warf. Nach zehn Minuten war er schweißnass; er hob sein Rad auf und fuhr langsam weiter. Es fiel kein Schnee mehr. In der Ferne sah Timo seine Kumpels. Er stieg vom Rad, lehnte es an eine Hauswand, näherte sich dem Marktplatz, blieb dann hinter einem Baum stehen, sodass er nicht gesehen werden konnte. Er hörte sie grölen. Zögernd nahm er die beiden Tütchen aus der Tasche. Schnee an Weihnachten – was ganz Besonderes. Der Junge schüttelte das weiße Pulver darin und besah es wie eine neu entdeckte Spezies. Er musste nachdenken. Dann schneite es wieder, aber nur kurz …

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Heute mal eine Geschichte zum Nachdenken, geschrieben von der bezaubernden Barbara Klein!
Eine weitere Autorin, die sehr von dieser Aktion angetan war und mir wahnsinnig schnell geantwortet und mir ihre Geschichte geschickt hat!

VIELEN VIELEN DANK!!!


Besucht auch mal Barbara's website: {♥}

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