[23] Ein Weihnachtslied



„Humbuk! Humbuk!“, greine ich.  Ich bin nicht gerne so. Aber ich muss so sein. Einer muss ja seinen Verstand behalten... „Humbuk...“, murmele ich.

Zwei kurz zuvor lachende Passanten bleiben kurz stehen, schweigen und schauen mich entgeistert an. Sie tragen rot-weiße Zipfelmützen und haben beide Glühwein in der Hand. Ich schlurfe an den beiden Pommesköpfen vorbei. Überall blinken Lichter. Ich fühle mich einem epileptischen Anfall nah. Lametta tropft von den Bäumen und wirft das Licht in unangenehmster Weise in meine Augen zurück. Über mir schweben unglaublich einfallsreiche und total originell-witzige Schilder mit der Aufschrift „Glühweinachten“ oder „Oh Pfannenbaum“. Irgendwo plärrt ein Dreckskind auf einer Blockflöte. Scheiße, ich hasse Weihnachten.

Natürlich werden jetzt viele denken, ich sei so wie dieser Typ in „A Christmas Caroll“, gerade auch mit dem „Humbuk!“. Ja, das habe ich mir abgeschaut, aber um ehrlich zu sein, ich bin nicht gerne ein Scrooge. Aber einer muss ja den Verstand behalten in dieser völlig wahnsinnigen Zeit.

Um mich herum mampfende Menschenmassen. Klein- und Großgruppen stehen umeinanderherum, drehen sich ständig von links nach rechts, verschütten Glühwein aus Pisse, beißen, kauen, lachen und kauen, lachen und spucken dabei Flammkuchen und lachen und schlucken und glucksen und trinken billigen mit Pisse gestreckten Glühwein, lach und prusten und Pissglühwein schießt aus allen Nasen. Scheiße, ich hasse Weihnachten.

Aber ich nicht gerne so. Ich bin einfach nur normal. Die anderen sind am durchdrehen. Um was geht es denn überhaupt bei Weihnachten. Es geht nicht das Fest der Liebe. Wer schon einmal in seinem Leben Weihnachten mit seinen Eltern gefeiert hat, der weiß das. Und schon gar nicht ist es der Geburtstag eines komischen Hippi-Zimmermanns! Und es ist auch kein „urdeutscher“, heidnischer Brauch. Es ist noch am ehesten, schlicht und einfach, die dunkelste Nacht des Jahres. Und danach geht es wieder Stück für Stück bergauf. Aber auch das stimmt ganz. Wintersonnenwende ändert sich vom Datum immer ein bisschen. Weihnachten ist einfach der idiotische Glaube der Menschen, dass es diesmal schön wird! Das in dieser einen Zeit alles gut wird und jeder, wirklich jeder gut ist! Kim Jong Un wird an Weihnachten bestimmt sagen: „Oh, ich sollte ausnahmsweise heute mal keine Menschen foltern lassen. Stattdessen gebe ich allen Kuchen!“ But there is no cake and the cake is a lie. Und trotzdem tun die Menschen so, als wäre alles gut, als wäre alles friedlich und alles schön. Dabei gibt es auch bei uns noch genug Obdachlose.

Weihnachten ist eine Lüge. Weihnachten ist eine Illusion. Wenn mich jemand jetzt auffordern würde etwas für die Obdachlosen zu spenden, weil es doch die „Zeit der Geschenke“ sei, würde ich Scrooges Antwort „Gibt es denn keine Gefängnisse?“ in „Gibt es denn keine Schrotflinten?“ ändern. Und hört mir alle auf mit den Geistern der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht.

Man hört viel Gelächter heute Abend hier auf dem Markt. Die engen Gässchen sind verstopft mit Menschen. Sie schmiegen sich aneinander, als könnten sie ihren eigenen Gestank nicht wahrnehmen. Dort drüben sitzt ein Bettler, kaut vergnügt an einem Weckmann. Da hinten, um die Ecke steht ein junges Paar. Er hat seinen Kopf in ihre Schulter gelegt und sie streichelt seinen Nacken auf und ab. Sie flüstert ihm etwas in sein Ohr. Er schaut auf, lächelt leise, blickt sie an. Stumm. Ganz stumm. Er küsst sie auf die Nase.

Scheiße, ich hasse Weihnachten.

Neben mir zupft ein kleines Mädchen an dem Hosenbein seines Vaters. Es reckt die Arme ein paar Mal nach oben. Der Vater lacht herzlich, nimmt das Kind hoch auf die Schultern. Das Kind greift in den Bart des Vaters, zupft, zwirbelt und gluckst. Der Vater beginnt zu Gallopieren und das Mädchen kreischt vor Vergnügen.

Scheiße, ich hasse Weihnachten.

Der Bettler hat nun eine Decke hervor geholt und schmiegt sich in sie hinein. Er hat ein bisschen Geld in seiner Mütze. Er bestaunt die schwirrenden, summenden Lichter. Blickt hoch und plötzlich beginnt er zu singen. Seine Stimme dröhnt in meinen Ohren, hinweg über das Geplärre der Menschen. Und er singt dieses Lied.


Wir wissen es alle, es weihnachtet sehr
Lampen drängen dicht an dicht,
sprühend gelbes Lieder-Licht –
aus Städten wird ein Strahlenmeer.
Und wir warten und wandern und warten

Wir kennen sie alle, die stille Nacht
Gesänge dringen an das Ohr,
flutend aus dem Mund hervor,
was den Blick vergänglich macht.
Und wir warten und wandern und warten.

Und diese Zeit, sie ist besinnlich
dunkel ist's und furchtbar himmlisch
summen Herzen sanft und stimmlich
und Gedanken werden dinglich.
Und wir lauschen und stehen und lauschen

Und diese Wochen sind so heilig
kitischig ist's und furchtbar peinlich
diese Welt so sanft und reinlich
sich zu wünschen. Es ist kleinlich …
Trotzdem lauschen und stehen und lauschen

Wir wissen es besser, so ist nicht die Welt
Wir wissen es besser, sie ist nicht erhellt
Wir wissen es besser, sie ist nicht aus Licht
Wir wissen es besser, ein Lied ist sie nicht.

Und doch

Alle warten auf den Wiedergänger,
auf irgendeinen Orpheussänger,
auf den der's neue Lied anstimmt,
das Eis in uns
zum Schmelzen
den Stein in uns
zum Weinen
bringt.

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Vielen Dank an Jonathan für die Geschichte!!!
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