[21] Musik



Es ist noch gar nicht so lange her, da wusstest du nicht, wer ich bin. Hast an mir vorbei gesehen, als wäre ich nicht da. Es hat mich nicht gewundert, denn es gab nie einen Grund, mich zu bemerken. Die Anderen waren es, die dich interessierten. Natürlich. Sie waren alle viel talentierter. Erst jetzt, wo wir zu zweit nebeneinander sitzen und uns anschweigen, entdeckst du mich.
 
Die Anderen sind verschwunden. Sie singen Weihnachtslieder. Etwas, was ich nun gar nicht gebrauchen kann. Seit meine Eltern mich nicht mehr wahrnehmen, ist Weihnachten für mich zerstört. Das Fest der Liebe? Von wegen. Meine Eltern wissen schon gar nicht mehr, wie man ein Fest mit Liebe feiert. Du hast auch keine Lust auf Weihnachtslieder. Das ist das einzige, was du mir mitteilst, während du dich neben mich setzt. Ich fühle mich erbärmlich, wenn du mich so übersiehst. Peinliche Stille. Wir kennen uns gar nicht. Die Anderen waren immer dabei, nie waren wir beide allein.
Du langweilst dich so sehr, dass du anfängst auf den Tisch vor uns zu klopfen.

Ich beobachte dich, doch du siehst mich nicht an, dein Blick ist nach innen gekehrt. Das Klopfen wird zu einem Rythmus. Die Melodie nimmt in deinem Kopf Gestalt an. Du beginnst zu Summen. Eines meiner Lieblingslieder! Ich verliere mich in Gedanken und summe leise mit. Du siehst auf. 
"Du kennst das?"
"Von Jimi Hendrix, stimmt's? Na klar, kenn ich das."
Du siehst mich zum ersten Mal wirklich an. Überrascht und interessiert. "Was kennst du denn sonst noch so?"
Und so entdecken wir unsere Liebe für die gleiche Musik. Für übersteuerte Verstärker, raue Stimmen und laute Gitarren. Wir reden über die besten Bands, die besten Sänger und gute, wertvolle Musik. Es wird zum Wettbewerb, wer welche Lieder von welchen Bands besser kennt. Wir rezitieren die Texte, während wir gemeinsame Lieblingslieder herausfinden. Du faszinierst mich.
Es kommt mir vor als säßen wir schon stundenlang alleine an diesem Tisch. Die Anderen tauchen wieder auf. Überdrüssig der Weihnachtslieder. Sie werfen uns verwunderte Blicke zu, die fragen "Woher kennt ihr euch denn auf einmal?". Darauf habe ich keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich mich darüber freue.

Wir stehen draußen. Warten unter den Lichterketten. Ich, vor Kälte zitternd, in deiner Lederjacke. Noch immer bist du fassungslos, dass jemand wie ich, deine Musik so sehr lieben kann. Ich lächle. Glücklich, im Hier und Jetzt mit dir. Bis der Zug einfährt und den Zauber zerstört. Ich gebe dir deine Jacke, verabschiede mich.
Die bunten Lichter verschwimmen hinter den Scheiben, traurig wende ich mich ab. Wieso traurig? Na, weil wir so viel versäumt haben. Unwahrscheinlich, dass wir uns bald wiedersehen. Wieso kreuzten sich unsere Wege nicht früher? Wir haben die Zeit verloren. Wochen vergehen. Wochen, in denen meine Eltern die Nerven verlieren. "Bist du verrückt? Mach sofort den Lärm leiser!"
Lärm? Niemals. Das ist kein Lärm, denke ich mir und drehe noch lauter auf. 

Du würdest es verstehen. Du würdest mit mir mit jubeln, mit feiern. Wo bist du? Singt Kurt Cobain in deinem Zimmer auch so laut? Ich werde es wohl nie erfahren. Die Zeit schwindet. Weihnachten rückt näher. Der Weihnachtsmarkt sollte eigentlich ein besinnlicher Ort sein. Doch sind zu viele Menschen auf einem Fleck, sie gehen sich nur aus dem Weg. Ich bin mit meinen Eltern hier. Ein letzter Versuch, das Eis zwischen uns aufzubrechen. Ob dies eine geeignete Stelle dafür ist, bezweifle ich. Wir entfernen uns in der Masse noch mehr voneinander. Bald haben wir uns verloren. Alleine wandere ich von Stand zu Stand, bis ich die Anderen endlich gefunden habe. Die Weihnachtslieder, die sie schon so lange proben, geben sie nun zum Besten. Ich bleibe stehen und höre zu. Klatsche laut, denn sie sind wirklich gut. 
 
Dann höre ich die Gitarre. Seit wann haben sie jemanden, der Gitarre spielt? Ich hoffe so sehr, dass du es wirklich bist. Ich dränge mich durch die Menschen, um besser zu sehen. Ich suche den Gitarrenspieler. Und ich finde dich. Da stehst du in deiner Lederjacke und spielst Weihnachtslieder. Ein urkomischer Anblick. 

Ich kann nicht sagen, wie lange ich dort stehe und euch zuhöre. Bald macht ihr eine Pause. Du wirkst verloren, mit deiner Gitarre unter deinem Arm. Klammerst dich regelrecht an das Instrument. Bemerkt hast du mich derweil noch immer nicht. Ich versuche zu dir durchzukommen, will dich begrüßen, dir sagen wie sehr ich mich freue, dich zu sehen. Doch dann höre ich leise Töne. Auch wenn ich dich nicht sehe, weiß ich, sie kommen von dir. Dann treffen sich unsere Blicke. Du machst Anstalten die Gitarre wegzulegen, doch ich schüttle den Kopf. Ich sehe dich an, auffordernd. Und du spielst. Du schließt die Augen und spielst, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Die Töne, so perfekt. Wie sehr du darin aufgehst, wie du versinkst. Deine Gitarre gehört zu dir, wie zu niemand anderem.

Ich liebe es dich so zu sehen. Zu sehen, wie sehr du es liebst.
Als du mich ansiehst weißt du es. Weißt, dass ich das Lied kenne. Dein Blick auf mir, die ganze Zeit. Immer wieder, während du weiter und weiter spielst. Du lächelst mich an, auffordernd. Und ich singe. Singe, wie noch nie zuvor. Wie du mich ansiehst. Ich möchte, dass es nie mehr aufhört. Doch auch dieses Lied endet irgendwann. Es kommt mir ewig vor. Du und ich, als wären wir alleine auf dieser Welt. Und nicht inmitten von Schokoäpfeln und Glühwein. 
 
Hinter mir höre ich ein Klatschen. Es wird immer mehr und mehr. Ich drehe mich um. Entdecke die Menschenmenge, die sich um uns gebildet hat. Entdecke meine Eltern. Sie klatschen nicht. Doch sie lächeln. Ein warmes, stolzes Lächeln. Etwas, das ich seit langem vergeblich bei ihnen gesucht habe. Etwas, das mich an Liebe erinnert. Nebenbei fangen die Anderen wieder an ihre Weihnachtslieder anzustimmen. Diesmal ohne Gitarre.
Du stehst neben mir, als es anfängt zu schneien. Wir schauen zum Himmel. "Die Musik hat nicht nur das Eis zwischen dir und mir gebrochen. ", sagst du und nimmst meine Hand.

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Diese Geschichte ist von meiner Freundin Bonina:)
Vielen Dank dir, dass du bis um drei Uhr nachts dieses Meisterwerk geschrieben hast! :)


Bonina hat auch letzten Dezember bei meiner "Lesen" Aktion mitgemacht! Hier kommt ihr zu ihrem Interview: []

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