[19] Wie jedes Jahr


Der Schnee lag so hoch, dass es schier unmöglich war, das kalte Pflaster der Straße zu erkennen. Ich hasste den Winter. Die Sonne stand schon am Horizont. Bald würde es dunkel und die Kälte noch unerträglicher werden. Ich zog meinen Mantel enger um mich oder jedenfalls das, was ich einen Mantel nannte. Eigentlich war es ein grauer, dreckiger, löchriger Stoff. Immerhin ging er mir fast bis zu den Knien und hatte sogar eine Kapuze, die ich mir tief ins Gesicht gezogen hatte. Meine braunen zerzausten Haare hingen mir wirr über die Stirn. Schuhe hatte ich schon lange nicht mehr besessen und meine schwarze Jeans war dreckig und ein wenig zu kurz. Ich hielt den Blick gesenkt und lief weiter. Die Leute, die an mir vorbei eilten, würdigten mich keines Blickes. Junge Männer wie mich gab es viele. Niemand nahm uns wahr. Wieso sollte es sie auch interessieren? Ich interessierte mich nicht einmal selbst dafür, was mit mir passierte. 
Väter, Mütter, Kinder... Sie alle liefen an mir vorbei. Lachend mit Geschenken oder Lebkuchen. Wann hatte ich zuletzt ein Geschenk bekommen? Ich war nun an der großen Brücke angekommen. Der Fluss darunter floss ruhig und stetig dahin. Am höchsten Punkt der Brücke blieb ich stehen und starrte hinunter.
Wenn ich doch nur den Mut hätte... Dann wäre das alles hier vorbei. Wie oft war ich schon auf der kleinen Mauer gestanden und hatte in die Tiefe gestarrt? Ich wäre nicht der erste, der hier hinunter springen würde. Dieser Ort war beliebt bei Selbstmördern.
Was wollte ich hier? Ich würde zu feige sein, wie jedes Jahr. Ich würde mir Hoffnungen machen, dass es besser werden würde, wie jedes Jahr. Und ich würde wieder enttäuscht werden ... wie jedes Jahr. Ich stand an der kleinen Mauer und starrte hinunter auf den Fluss. Wie hoch es wohl war? Vielleicht fünfzig Meter. 
Spring doch, raunte eine Stimme in mir. Beende es endlich. Ich begann zu zittern. Nein...ich konnte nicht. Mit einem Seufzen lehnte ich mich mit dem Rücken an die Mauer und setzte mich hin. Der Schnee war überhaupt nicht mehr so kalt. Es war egal, ob ich lebte oder starb. Ich war ersetzbar wie alles. Die Welt brauchte mich nicht. Niemand brauchte mich. Ich spürte, wie die Masse der unendlich kleinen Schneeflocken mich sanft zudeckte. Jedes Jahr nahm ich mir vor zu springen. Jedes Jahr überlegte ich es mir anders. Wünschte mir, zu erfrieren und überlebte. Wie lang ging das nun schon so? Wie lange  war ich schon alleine? Zehn Jahre. 

Vor zehn Jahren war alles noch in Ordnung gewesen ... so schien es jedenfalls. Jemand schmiss mir Geld vor die Füße. Ich unterdrückte ein heiseres Lachen. Das Betteln hatte ich schon lange aufgegeben. Die Menschen gaben nur etwas, um ihr Gewissen zu beruhigen. Um sich selbst sagen zu können, dass sie besser waren als alle anderen, die vorbeiliefen. Menschen waren egoistisch und ich wollte ihnen nicht dabei helfen, sich besser zu fühlen.
Plötzlich stupste mich eine kalte Schnauze an. Ich hob den Kopf. Ein dünner schwarzer Hund schnupperte an meinem Mantel und schließlich an der Münze, die vor mir lag. Er nahm sie ins Maul und kaute darauf herum. 
„Socke! Aus!“, hörte ich eine Mädchenstimme. Der Hund spuckte das Geld aus und trabte schwanzwedelnd zu einer dünnen Gestalt mit schneeweißem Haar. Die Augen des Mädchens waren so hellblau wie Eis. Sie war furchtbar blass und trotzdem konnte man deutlich ein paar Sommersprossen an der Nase erkennen. Sie trug einen langen braunen viel zu großen Mantel. An ihrer einen Hand trug sie einen alten Handschuh, bei dem die Fingerspitzen herausschauten. Auch sie war barfuss und durch den Mantel konnte man ihre nackten Beine sehen. Sie stand da und sah mich an.
Ich kannte sie. Sie war jedes Jahr um diese Zeit hier. Andere junge Männer wie ich hatten mir von ihr erzählt. Sie sei ein wunderbares Mädchen. In ihrer Anwesenheit fühle man sich wohl. Ich wusste, was sie damit meinten. Irgendwie sah sie jedes Jahr gleich aus. Den gleichen Mantel, die gleiche Frisur. Ihr Haar wurde nie länger und ihr Gesicht nie älter. Bisher war sie immer an mir vorbeigelaufen, doch dieses Jahr stand sie vor mir.
Ich musterte sie argwöhnisch. Eigentlich war es nicht meine Art, Menschen derart starr anzusehen, doch dieses Mädchen war irgendwie anders. Der Hund rieb seine Schnauze an der Hüfte des Mädchens, doch sie beachtete ihn nicht. Stattdessen legte sie den Kopf schief und lächelte mich an. Ich drehte mich weg.
Plötzlich spürte ich die Hand des Mädchens auf meiner Schulter. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?“
Ich schwieg. Sie setzte sich neben mich und kuschelte sich an mich. Sie war kalt. Wie alt mochte sie wohl sein? Der Hund lehnte sich an meine Beine und begann zu hecheln.
Ich kannte so Mädchen wie sie. Mädchen, die ihren Körper verkauften, um zu überleben. Sie schien gut zu sein, wenn man so viel über sie redete, aber ich hatte kein Interesse an so was. „Was willst du?“, fragte ich und sah sie an. Sie hob den Kopf. Ich konnte ihren Blick nicht deuten. „Wenn du nichts dagegen hast, will ich mich nur ein wenig bei dir aufwärmen. Bist du nicht einsam?“
„Pah“, machte ich und sah nach oben. Über mir flog ein einzelner Rabe über den grauen Himmel. „Nur dass du’s weißt, ich habe kein Interesse.“
Sie lachte. „Kein Sorge. So eine bin ich nicht. Ich bin wirklich nur hier, um mich zu wärmen.“
„Du hast doch deinen Hund!“, erwiderte ich.
„Socke ist auch nicht die ganze Nacht da“, erwiderte sie leise. „Er streunt herum, sucht nach etwas zu essen. Ich will ihn nicht dazu zwingen, bei mir zu bleiben.“
Ich streichelte den Hund. Das Mädchen war so kalt. Ich spürte ihre kalten Finger durch den Stoff meines Mantels.
„Wieso glaubst du, dass ich die ganze Nacht hierbleibe?“, fragte ich.
Ich konnte es nicht sehen, aber ich spürte, dass sie lächelte. „Weil du letztes Jahr auch die ganze Nacht hier warst.“
Ich schwieg. Woher wusste sie das? Hatte sie mich beobachtet.
„Du wolltest springen, nicht wahr?“, sagte sie schließlich.
Ich antwortete nicht.
„Warum tust du es nicht?“
Ich starrte ins Nichts. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Dunkelheit machte sich breit.
„Ich kann es auch nicht“, sagte sie leise. „Aber ich wünschte, ich könnte es.“
„Wie alt bist du?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
„Siebzehn.“
„Wie lange lebst du schon auf der Straße?“ Ich konnte nicht sagen warum, aber dieses Mädchen interessierte mich.
„Mit zwölf bin ich von zu Hause weggelaufen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Sie kauerte sich eng neben mir zusammen und ich spürte, dass sie zitterte.
„Was hast du nicht ausgehalten?“, fragte ich. Eigentlich war es egal, was es war. Sie hatte ihre Gründe, hier zu sein, genauso wie ich meine hatte.
„Mein Vater. Jede Nacht kam er zu mir - “ Sie verstummte.
Ich wollte nicht weiter nachfragen. Es würde nur unnötig schmerzhafte Erinnerungen in ihr hervorrufen.
„Kennst du die Wintermärchen?“, fragte sie. Inzwischen war es stockdunkel. Nur das Wasser war zu hören und ab und zu die Straßenbahn, die über die Brücke rollerte.
„Was meinst du?“, fragte ich.
„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, der Nussknacker oder der Tannenbaum.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Sie sterben am Ende alle.“
Sie schwieg. Irgendetwas kam mir plötzlich seltsam an ihr vor. Als ob irgendetwas fehlte.
Der Hund, der an meinen Beinen gelegen hatte, stand auf und schüttelte sich. Dann trabte er hechelnd davon.
„Kommt er auch wieder?“, fragte ich. Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Wer weiß.“
Ich starrte in den Himmel. Die Sterne leuchteten so hell. Es hatte sogar aufgehört zu schneien. Das Mädchen streckte einen Arm in die Höhe, als versuchte sie etwas, was weit von ihr entfernt war, zu erreichen.
„Fliegen ist etwas schönes“, sagte sie leise. „Immer höher und höher in den Himmel hinaufzusteigen und immer dorthin zu gehen, wo du willst. Dann bist du immer frei. Dann sind dir keine Grenzen gesetzt.“
Ich nickte. „Es muss toll sein.“
Sie fühlte sich plötzlich so warm neben mir an und ich spürte, wie ich müde wurde und meine Augenlider immer schwerer wurden. Dabei hatte ich seit Jahren Probleme damit, einzuschlafen. Ich schloss die Augen, legte meinen Kopf erschöpft auf den Kopf des Mädchens. Ihr Haar war so weich. Sie begann zu singen. Ein unglaublich schönes, trauriges Lied. 
Und plötzlich fiel mir auf, was an ihr komisch war und was fehlte: Ihr Herzschlag! Im nächsten Moment war ich eingeschlafen. Ich hörte dieses Lied noch lange in meinen Träumen und wurde erst am Morgen von der aufgehenden Sonne geweckt. Der Hund war wieder da. Er saß vor mir und sah mich an. Um seinen schwarzen Hals, war eine rote Schleife mit einem kleinen Zettel gebunden. Aber das Mädchen – war fort.
 Ich nahm den Zettel und faltete ihn auf:
„Gib auf ihn Acht. Da, wo ich hingehe, kann ich das nicht.“
Ich sah mich um, doch ich konnte keine Spur von dem Mädchen entdecken und auch der Hund schien mir bei der Suche nicht helfen zu wollen. Denn er blieb vor mir sitzen, als wäre alles in bester Ordnung.
Später erzählten sich die Leute, dass das Mädchen gesprungen war und dass ihre Leiche nun irgendwo auf dem Grund des Flusses lag, doch ich wusste, dass es nicht stimmte.
Ich war mir sicher, dass sie fortgeflogen war. Dass sie ein Engel gewesen war, der mich besucht und in der Nacht auf mich Acht gegeben hatte, damit ich nicht erfror.
Bestimmt war sie gerade irgendwo, an einem besseren Ort und bestimmt würde sie wiederkommen ... so wie jedes Jahr.

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Das war die Geschichte von meiner Freundin Lea:)Vielen lieben Dank! Ich hoffe sie hat euch gefallen;)

Viele weihnachtliche Grüße
Lara 

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