[12] Der Engel und sein Geheimnis

Ende November setzte sich der Engel an seinen Schreibtisch. Es war Zeit mit dem Schreiben anzufangen. "Schließlich schüttelt man Weihnachtsgeschichten nicht so einfach aus dem Ärmel" pflegte er zu den anderen Engeln zu sagen. Damit wollte er die Wichtigkeit seiner Aufgabe betonen.
Er schaltete den Computer ein, öffnete die Datei : "Weihnachten" und los sollte es gehen. So war es jedenfalls in den Jahren vorher.
Doch diesmal fiel ihm einfach nichts ein. Er rutschte auf dem Computerstuhl hin und her und las dabei die alten Geschichten durch, die er schon vor Jahren geschrieben hatte. Dafür erhielt er viel Lob.

Die Sonne sah durch das Himmelfenster und kitzelte das Engelchen, außerdem schien sie auf den Bildschirm, so dass der Engel gar nichts sehen konnte. "Ich werde mich abends noch einmal bemühen," mit diesen Worten hüpfte er vom Stuhl und verschwand aus seinem Arbeitszimmer.
Der Nikolaus, der dies beobachtete, rollte die Augen. Er kannte den kleinen, lebhaften Engel, der gar nicht gern still sitzen konnte. Ständig war er unterwegs, in seinem Arbeitszimmer fand man ihn sehr selten.

"Es wird langsam Zeit, wenn ich bloß die neue Weihnachtsgeschichte schon hätte. Schließlich müssen noch passende Bilder zu der Geschichte gemalt werden, und danach geht alles in die Druckerei." Nikolaus hatte es nicht gern, wenn Zeitdruck aufkam.
Am nächsten Tag sah er wieder in das Arbeitszimmer des Schreibengels, doch keine Spur, der Bildschirm war schwarz. "Wo treibt er sich denn schon wieder herum?" fragte er die anderen Engel. "Er macht einen Ausflug zur Erde, warum hat er uns nicht gesagt."
In den nächsten Tagen machten sich alle viel Sorgen um den kleinen Engel.
Nach einer Woche kam er voller Elan angeflogen, wollte keine Erklärung abgeben, begab sich gleich in sein Arbeitszimmer und man hörte, wie er die Schreibtasten blitzschnell betätigte. "Nur nicht stören," sagte der Nikolaus zu den erstaunten Engeln.

Abends legte er dem Nikolaus sieben süße Weihnachtsgeschichten vor , eine schöner als die andere. "Für jeden Tag, den ich fort war, eine," sagte er, aber auf die Frage, warum er fort flog, wo er war, was er erlebt hatte, wie er zu diesen entzückenden Weihnachtsgeschichten kam: auf all diese Fragen gab er keine Antwort.

Es blieb sein Geheimnis.


                                                      Christine Wolny

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